50 Jahre Seemannsausbildung
Von Kiribati um die Welt: ein halbes Jahrhundert Seemannsausbildung im Südpazifik
Der Inselstaat Kiribati, der etwa auf halbem Weg zwischen Fidschi und Hawaii mitten im Pazifik liegt, ist bekannt für seine Seefahrertradition. Ein einzigartiges Projekt vereint hier den Bedarf an seemännischer Expertise mit einer beruflichen Zukunftsperspektive für die Einheimischen: Das von der Hamburg Süd mitgegründete Marine Training Centre (MTC) bildet junge Kiribatier zu Seeleuten aus. Als geschäftsführende Gesellschafterin der South Pacific Marine Services GbR (SPMS) begleiten und unterstützen wir die Schule und setzen die dort ausgebildeten Matrosen an Bord unserer Schiffe ein.

Das MTC blickt heute auf eine über 50-jährige Geschichte zurück. Nach einem Unfall an Bord eines Hamburg Süd-Schiffes im Jahr 1964 musste ein verletzter Seemann zur medizinischen Versorgung eilig auf das kiribatische Hauptatoll Tarawa gebracht werden. Bei rauer See wurde ein Rettungsmanöver eingeleitet. Mit besonderem Geschick und Gespür für die extremen Bedingungen kamen einheimische Fischer zu Hilfe – von ihren seemännischen Fähigkeiten beeindruckt, berichtete der Kapitän das Geschehene an die Zentrale in Hamburg. Und legte damit den Grundstein für das MTC. Drei Jahre später gründete die Hamburg Süd gemeinsam mit der Reederei China Navigation und der damaligen englischen Kolonialregierung die Seemannsschule auf Tarawa.

Für die Hamburg Süd waren die talentierten Seeleute ein Gewinn, sie nach Abschluss ihrer Ausbildung an Bord zu beschäftigen naheliegend. So folgte 1970 die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens SPMS. Als geschäftsführende Gesellschafterin haben wir uns mit fünf weiteren Hamburger Reedereien zusammengeschlossen und uns verpflichtet, die an der Schule ausgebildeten Kiribatier einzusetzen. Die SPMS arbeitet eng mit der kiribatischen Regierung zusammen, sie stellt und finanziert neben drei Instruktoren auch den Schulleiter des MTC. Dabei bleibt das MTC jedoch eine staatliche Schule, die mit finanzieller Unterstützung der australischen und neuseeländischen Regierung vom kiribatischen Minister of Employment and Human Resources betrieben wird.

Jedes Jahr beginnen rund 150 Trainees die 18-monatige Ausbildung am MTC, nach zwei weiteren Monaten auf See werden die Kadetten zu Leichtmatrosen ernannt. Folgen darauf noch einmal 24 Monate an Bord, ist die Zulassung zur Matrosenprüfung möglich. Wird sie erfolgreich bestanden, sind die Absolventen fertige Vollmatrosen im Bereich Deck oder Maschine beziehungsweise ausgebildete Stewards. Ihre Seediensttauglichkeit wird vor Ort von einem durch die deutsche Berufsgenossenschaft Verkehr (BG Verkehr) anerkannten Arzt nach den entsprechenden Richtlinien attestiert.

Die Ausbildung erfolgt nach dem STCW-Standard (International Convention on Standards of Training, Certification and Watchkeeping for Seafarers) der International Maritime Organization (IMO) und wird im Austausch mit den beteiligten Reedereien sowie den Schiffsleitungen fortlaufend angepasst, um dem Praxisbedarf an Bord jederzeit zu entsprechen. So wurden bislang über 5.000 Matrosen, aber auch Schlosser, Köche und Stewards sowie seit 2015 zusätzlich Fischer am MTC ausgebildet. Für kiribatische Frauen wird eine Ausbildung im Bereich Catering angeboten, die ihnen Chancen vor allem in der neuseeländischen und australischen Hotellerie eröffnet.

Mit der abgeschlossenen Ausbildung ist der Weg für die kiribatischen Seeleute jedoch noch nicht zu Ende. Entsprechende Führungsqualitäten vorausgesetzt, ist nach ca. fünf Jahren auf See eine Beförderung zum Bootsmann möglich. Inzwischen gibt es unter den Kiribatiern sowohl 1. und 2. Offiziere als auch einen Kapitän, die für unsere SPMS-Partnerreedereien fahren. Die Heuer der MTC-Seeleute richtete sich nach den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), zusätzlich haben die SPMS, die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) einen eigenen Hausmanteltarifvertrag abgeschlossen. Dieser bezieht auch die verhältnismäßig hohen Transferkosten ein, die der Einsatz der kiribatischen Seeleute mit sich bringt. Denn das Inselreich verteilt sich nicht nur über eine Meeresfläche von der Größe der USA – von hier aus sind zu den Einsätzen auch weite Wege zurückzulegen. Obwohl die SPMS nicht gewinnorientiert arbeitet, müssen Kostenaspekte wie dieser berücksichtigt werden – auch die ökonomische Balance ist Teil des Projekterfolgs und sichert den Fortbestand der Schule sowie fortlaufende Beschäftigungsmöglichkeiten für die einheimischen Seeleute.

Im Südpazifik gelegen, setzt sich Kiribati aus 33 Korallenatollen zusammen, von denen 22 bewohnt sind – etwa 110.000 Menschen leben hier. Die Hamburger Reedereien sind über die SPMS vor Ort vertreten, gemeinsam zählen sie zu den größten Arbeitgebern des Landes. Aktuell fahren 624 im MTC ausgebildete Seeleute auf ihren Schiffen, 198 von ihnen bei der Hamburg Süd. Die wirtschaftliche Bedeutung wird klar, wenn man sich bewusst macht, dass der Inselstaat sonst nur über wenige Einnahmequellen verfügt, darunter die Vergabe von Fischereirechten. Der Verdienst der kiribatischen Seeleute kommt ohne Umwege auch ihren Familien zugute – allein in den letzten zehn Jahren haben sie im Schnitt über 4,5 Millionen Euro jährlich nach Hause geschickt.

Wir sind stolz darauf, gemeinsam mit dem MTC auf inzwischen ein halbes Jahrhundert Seemannsausbildung zurückblicken zu können. Obwohl zwischen Hamburg und der Schule in Tarawa fast 14.000 Kilometer liegen, sind für uns beide Orte eng verbunden. Sowohl für die SPMS-Partnerreedereien als auch für die Bewohner Kiribatis ist ein zukunftsfähiges Modell entstanden. Wir können auf die Fähigkeiten der am MTC ausgebildeten Seeleute vertrauen – während jungen Kiribatiern eine solide Ausbildung und darauf folgend eine sichere Anstellung ermöglicht werden.